Andere Länder – andere Sitten

 

In Ägypten gibt es einige Sitten und Gebräuche,die teilweise in anderen arabischen Ländern unbekannt sind, da sie aus pharaonischen Zeiten stammen und nur in Ägypten auf eine besondere Weise gefeiert werden.

 

Andere Traditionen ähneln einigen europäischen Gebräuchen aus alter Zeit, die heute nicht mehr so praktiziert werden, aber noch vor 50-100 Jahren bei uns gang und gäbe waren (z.B. Aussteuer, Jungfräulichkeit, etc.).

Auch Ägypten verändert sich, doch trotzdem werden einige Feste noch fast genauso wie vor Hunderten oder Tausenden von Jahren gefeiert.

 

Interessant ist, dass sehr viele Feste, wie z.B. „Sham El Nessim“ (ein Frühlingsfest mit bunten Eiern) und „El Sebou“ (Fest 7 Tage nach der Geburt eines Kindes) von ägyptischen Christen und Moslems gleichermaßen gefeiert werden, ein schöner Beweis für die gemeinsame Kultur und Herkunft, noch vor Christentum und Islam.

 

Auch die weibliche Beschneidung (Genitalverstümmelung) wurde über Jahrtausende bis heute von beiden Religionsgruppen in Ägypten weitergeführt, da sie aus pharaonischen Zeiten stammt.

 
Ägyptische Hochzeiten  

Wer als Tourist zu einer ägyptischen Hochzeit eingeladen wird, der sollte die Einladung ohne zu zögern annehmen, denn er wird ein ausgelassenes Fest erleben und einen tiefen Einblick in die ägyptische Kultur bekommen. Die eigene Hochzeit ist der wichtigste Tag im Leben der Ägypter, auch sehr wichtige Tage sind die Hochzeiten der Kinder, auf die jahrelang gespart wird.

Es gibt keine vergleichbaren Feste in Ägypten, auf denen es so fröhlich zugeht.

Vieles, was in Europa seit vielen Jahrzehnten nicht mehr praktiziert wird, ist in Ägypten heute noch genauso aktuell wie vor Tausenden von Jahren. So gehen die meisten Ägypter(-innen) auch heute noch als Jungfrauen in die Ehe, einige wenige sind es vielleicht nicht mehr, würden es aber nie zugeben, manche lassen sich ihre Jungfräulichkeit sogar wieder operativ herstellen. 

 

Vorehelicher Sex ist auch unter Verlobten gesetzlich und gesellschaftlich verboten. Dies gilt für Christen genau wie für Moslems und die Land- genauso wie für die Stadtbevölkerung.

 

Die in früheren Jahrhunderten auch in Europa bekannte Aussteuer, ist ein weiteres Relikt, das auch heute noch in der modernen ägyptischen Gesellschaft fortlebt. Es gibt strenge Vorgaben von dem, was die Braut in die Ehe mitzubringen hat.

Der Bräutigam stellt die Wohnung bereit, mit den Möbeln fürs Schlafzimmer, Wohnzimmer und neuerdings auch schon fürs Kinderzimmer. Er muss alle Lampen, Sanitäranlagen, den Fernseher und z.B. auch die Vorhangstangen kaufen und installieren.

Die Aussteuer der Braut beinhaltet dann die Vorhänge, Teppiche, Handtücher, Bettwäsche, die Küchenschränke, den Herd, den Kühlschrank und die Waschmaschine. Auch der ganze Hausstand an Küchengeräten und -zubehör , Geschirr, Töpfe, Besteck, Gläser etc. (alles Neuware) werden von der Frau in die Ehe gebracht. Die Anzahl der Gläser z.B. wird so berechnet, dass sie für mindestens 20 Jahre ausreichen und nichts neu gekauft werden muss. Alles wird auf einer Liste protokolliert, die sie abgestempelt in ihrem Besitz behält, um im Falle einer Scheidung alles, was sie mitgebracht hat, auch wieder zu bekommen.

Es gibt so gut wie keine unverheiratete Ägypterinnen, die alleine wohnen, der Normalfall ist ein Umzug vom Elternhaus direkt in die eheliche Wohnung.

 

Die Sachen der Braut werden am Tag vor der Hochzeit von ihren weiblichen Verwandten mit einem vollgeladenen Pick-up in die neue Wohnung gebracht und auch eingeräumt. Sie selbst kommt erst nach der Hochzeit in die fertig eingeräumte Wohnung.

Meistens sind es 20-30 Frauen, die das ganze originalverpackte Zeug auspacken und einräumen. So sehen alle, was und wieviel die Braut als Aussteuer hat und alles wird ausgiebig begutachtet, bewertet und mit anderen Bräuten verglichen. Sogar die Negligees werden für sie in den Schrank gehängt und das Bett bezogen.

Am gleichen Abend findet die „Henna-Nacht“ am Haus der Braut statt, bei der ihr traditionell alle Körperhaare entfernt werden und die Hände der Brautleute mit Henna bemalt und gefärbt werden, was ein altes pharaonisches Symbol von Reinheit ist.

 

Am Hochzeitstag selbst tragen die meisten ägyptischen Bräute ein weißes Hochzeitskleid, das sie sich in der Regel für den Tag ausleihen. Schlichte Eleganz findet man eher selten, die meisten Ägypterinnen mögen viel Glitzer, Spitzen und Rüschen etc.

Die Braut geht zusammen mit ihren Schwestern zum Frisör, der sie grell schminkt und die Haare entweder mit dem Brenneisen stylt, oder das Kopftuch besonders kunstvoll legt. Das ägyptische Schönheitsideal ist vornehme Blässe, dafür schmieren die Ägypterinnen sich schon monatelang vor der Hochzeit täglich Bleichcreme ins Gesicht und der Frisör trägt zusätzlich weißen Puder auf.

 

Dort holt der Bräutigam sie mit einem wild hupenden Autokorso ab und bringt sie zum Festsaal oder zu einem Festzelt, das an seinem Haus aufgebaut ist. 

 

Es wird gesungen und getrommelt und die geschmückten Autos fahren Rennen und hupen, was das Zeug hält.

Am Ort der Feier angekommen begeben sich die Brautleute tanzend mit viel Jubelträllern und Musik zu ihrer Bühne, auf der thronähnliche Stühle aufgebaut sind.

Dort nehmen sie eine Weile Platz und die Gäste werden an Tischen platziert und bewirtet.

Ein Kamerateam hält das Fest auf Video für die Ewigkeit fest.

 

Dann kommt es zur eigentlichen Eheschließung, zu der ein staatlich registrierter Iman (Sheikh) erscheint. Die Brautleute und der Brautvater setzen sich zum Iman, zwei Trauzeugen und alle Gäste stehen darum.

Das Ehebündnis wird meistens zwischen dem Brautvater (oder einem anderen männlichen Verwandten wie z.B. Onkel) und dem Bräutigam geschlossen, nicht direkt zwischen Braut und Bräutigam.

Die beiden Männer reichen sich die Hände (unter einem Tuch) und sprechen die Gelübde, die der Iman ihnen vorspricht. Die Heiratsurkunden werden unterschrieben, eine Sure gesprochen und dann kann die Party starten. In einigen Fällen wird der formale Teil der Eheschließung schon vor der Feier in der Moschee oder zu Hause vollzogen.

 

Auf vielen ägyptischen Hochzeiten gibt es Live-Musik mit einem Sänger, der oft gleichzeitig die Moderatoren-Rolle übernimmt. Manche engagieren DJs oder traditionelle Kapellen.

So oder so, ägyptische Hochzeiten sind immer sehr laut und fröhlich.

Auch eine Bauchtänzerin gehört zur traditionellen ägyptischen Hochzeit dazu.

In den letzten Jahren gibt es immer mehr Salafisten in Ägypten, für die Hochzeitskleider, Make-Up, Musik und Tanz „Haram“ (also Sünde) sind, und so ändern sich in manchen Dörfern diese alten Traditionen langsam.

 

In Kairo sieht man in den großen Hotels oft sehr edle Hochzeitsfeiern mit großem Buffets und Star-Buchtänzerinnen. Auf den Dörfern, wo zu Hause gefeiert wird, wird meistens ein selbstgekochtes Abendessen serviert.

Bei Feiern in Festsälen gibt es meistens nur den Kuchen und Snacks.

Hochzeiten sind auch in Ägypten Feiern für alle Generationen, besonders kleine Mädchen lieben es, ihre Tanzkünste zu zeigen.

Auf dem Land feiern Männer und Frauen z.T. getrennt und im Frauenbereich tanzen dann auch die älteren Frauen; sie wickeln sich einen Schal um die Hüften und verblüffen jeden mit ihren Hüftschwüngen.

 

Weitere Höhepunkte jeder ägyptischen Hochzeit sind „sich gegenseitig mit Hochzeitskuchen füttern“ ,„sich gegenseitig Sharbat (traditionelles Hochzeits-Getränk aus Granatapfelsirup) zu trinken geben“ , zusammen tanzen und natürlich die Überreichung der sogenannten „Morgengabe“, die aus Goldschmuck besteht, an die Braut.

Es wird ausgiebig gefeiert, bis sich das Brautpaar schließlich unter den guten Wünschen der Gäste zusammen in ihre Wohnung zurückzieht.

 

Etwa neun bis zwölf Monate später bekommt das ägyptische Durchschnittspaar das erste Kind; so wird es zumindest von den Schwiegereltern in den meisten Fällen erwartet.